Es ist nur eine Geste, aber eine, die die ganze Welt verschwinden lässt. Eine andere zaubert sie wieder hervor, verschiebt sie von links nach rechts oder von unten nach oben. Immer mehr Menschen haben heute Anteil am magischen Blättern, am Ab- und Auftauchen, Miniaturisieren und Maximieren von Bildern, Videos und Texten mittels Touchscreen. TV-Moderatoren spielen auf großen Screens wie Ball-Jongleure mit bunten Grafiken und Tabellen in ihren Studios. Ihr Publikum kennt die Wisch- und Weggesten nur allzu gut von seinen Smartphones und Tablets. Von einem kalifornischen Hard- und Software-Unternehmen lernte es, dass der Finger Gottes keineswegs das privilegierte Schreibzeug des Allmächtigen ist. Auch des Menschen Finger vermag heute auf jedem x-beliebigen Touchscreen Berge zu versetzen.

Das Schlüsselwort zu diesem scheinbar mühelos intuitiven Umgang mit den digitalen Daten und Produkten heißt Interface-Design. Frank Jacob, gelernter Industrie-Designer, hat sich zusammen mit seinem Team in Hamburg damit einen Namen gemacht, mit Kunden wie Dräger, Busch-Jaeger oder der Deutschen Presseagentur dpa. Als er 1999 sein Büro Human Interface Design (HID) gründete, verdingte er sich noch allein als Freelancer. Heute arbeiten 18 Mitarbeiter in den hellen, freundlichen Hinterhof-Räumen eines belebten Hamburger Stadtviertels. Und wie Jacob betont: "Alle sind sie festangestellt. Das war uns wichtig. Kontinuität, Planungssicherheit, Interdisziplinarität und ein hohes Maß an permanenter Fachkompetenz sind Voraussetzung für ein Gelingen der modernen Schnittstellen." Bei HID kooperieren Designer, Psychologen, Soziologen, Ingenieure, Informatiker, Prozessgestalter, sogar eine Design-Anthropologin miteinander. Je simpler die Geste, je selbsterklärender der Gebrauch der Produkte und ihrer virtuellen Peripherie, desto aufwändiger und komplexer das Innenleben des Interface-Designs und seine sich oft über Jahre hinstreckende Entwicklung. Auf großen Tafeln, über mehrere Wände werden die einzelnen Prozessschritte jedes individuellen Vorhabens visualisiert, mit zahlreichen Prototypen immer wieder getestet und auf seine Tauglichkeit überprüft. "Viele Designbüros", gibt Jacob zu bedenken, "haben heute Interface-Design in ihrem Portfolio. Aber nur wenige beherrschen seine Komplexität." In puncto Interface digitaler Medien sieht Frank Jacob Hamburger Agenturen jedoch bestens aufgestellt und weist darauf hin, dass sich Hamburg zudem einer agilen Usability-Szene erfreut - einer Szene, die an Gebrauchstauglichkeit arbeitet.
Wie der ökologische Aspekt die klassische Designvorstellung (als Formgestaltung) tiefgreifend revolutionierte, ist auch hoch komplexes Interface Design mehr als nur reine Oberflächengestaltung. "Im Idealfall", so Jacob, "wechselt der Designer dabei vom operativen Dienstleister zum strategischen Partner des Kunden." Mit Interface Design gilt es nicht nur die Gebrauchstauglichkeit der Produkte zu optimieren, sie in das Reich des intuitiven Verstehens und Lernens zu überführen. Das Produktverständnis selbst muss neu erfunden werden, manchmal sogar mit einer Produkt-, oft mit einer Funktionsvermeidungsstrategie. Was zunächst paradox klingt, erklärt sich aus einem häufigen Zuviel an Produktfunktionalität, dem ein Zuwenig an Informationsdesign folgt. "In vielen Unternehmen gilt es umzudenken und den Entmaterialisierungsprozess der Produkte nachhaltig positiv zu entwickeln", rät Frank Jacob. Produkte mit besserem Informationsfeld durch körperlich-sinnlich erfahrbare, auf Licht, Sound und Bewegung reagierende Bedienbarkeit. Apple hat hier wegweisend Geschichte geschrieben, indem die digitale Schnittstelle eines begrenzten Hardware-Angebots fließend in einen virtuellen Kosmos sich selbsterklärender Anwendungen mündet. "Das Produkt ist "nur noch" der Schlüssel", erklärt Jacob, "entscheidend ist das Nutzer-Erlebnis, das mit diesem Schlüssel einhergeht. Mit ihm können zum Beispiel Serviceleistungen zugänglich werden, die das Produkt in einem bewusst gestalteten Gesamtnutzungskontext erlebbar machen." Wie solche Schlüsselerlebnisse auch im privaten Umfeld funktionieren, bewies HID unlängst mit einem hochwertigen Vollflächeninduktions-Kochfeld des Herstellers Gaggenau. Das mit dem iF design award 2011 in Gold ausgezeichnete und für den Designpreis Deutschland 2012 nominierte CX 480 ist eine Innovation ohne dedizierte Kochbereiche und Schalter. Töpfe und Pfannen können auf einem durchgängigen Kochfeld beliebig verschoben werden, ohne dass ihnen die Energie unter den Böden weggezogen wird.

Neben den Kompetenzfeldern Produkt-Interfaces, komplexe Software-Systeme und mobile Medien setzt HID verstärkt auf den Bereich „Service Design” als zukunftsweisendes Arbeitsfeld. Vielversprechend ist das weite Feld der User-Experience vor allem deshalb, weil es eine kreative Einheit aus "dem Zusammenspiel von Ästhetik und Usability bildet." Der Nutzer, der agiert und reagiert wie es ihm die Interface-Ästhetik suggeriert, geht gleichsam einen neuen Bund mit der Maschine ein. Bediente der Mensch früher lediglich die Maschine, besteht heute ein wechselseitiges Verhältnis zwischen Nutzer und Produkt. Frank Jacob: "Man muss narrativ-filmisch denken und wahrnehmen, wenn man Interface-Design konzipiert, fließende Übergänge und dynamische Erweiterungen schaffen, die intuitiv erfasst werden." Benötigt auch heute noch ein ABC-Schütze einige Zeit bis er beim Nachsprechen erstmals den Sinn einer Buchstabenkombination erfasst, scheint im optimalen Interface-Design die bewusste Mühe dieser Vorleistung wie ausgeblendet. Die Interface-Ästhetik hat sie in Handlungs- und Lernfreude umgewandelt.

Doch je klarer sich die Dimensionen des aktuellen und künftigen digitalen Lebens abzeichnen, umso drängender stellen sich für Frank Jacob und seine Mitarbeiter ethische Fragen. Wie weit kann man, wie weit soll man gehen? Wo bereitet Interface-Design sinnvollen Zugang zu echtem Nutzen? Wo beginnt es, wie etwa beim Umgang mit Sozialen Medien oder der Omnipräsenz des Email-Abrufs verantwortungsfremdes Handeln leichter zu machen anstatt umgekehrt, verantwortungsvoller und bewusster? "Wie entlastet man Menschen von dem was sie tun, was ihnen aber nicht gut tut?" Fragen wie diese werden nicht erst nach Feierabend gestellt. Sie sind ein ständiger Begleiter des "Forschungsbereichs Interface-Design", den Jacob seit 2005 an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel lehrt. "Möglich", spekuliert Jacob, "dass noch ein bereinigendes Ereignis bevorsteht. Was wünschenswert ist und was nicht, ist noch nicht entschieden. Design zu entwerfen, das auf dem Feld der Entscheidungen und des Handelns mit Selbst-Verständlichkeit operiert, ist alles andere als selbstverständlich." Die Zukunft des Interface-Designs sieht Jacob deswegen weniger branchenspezifisch, als vielmehr grundlegend gesellschafts- und kulturbezogen: "Wenn künftige Produkte hohe menschliche Expertise ersetzen müssen, da alte Experten dem Arbeitsmarkt verloren gehen und jüngere Menschen schneller und weniger gut ausgebildet eine überalterte Gesellschaft wirtschaftlich tragen müssen, dann setzt die Vermittlung von digitaler Kompetenz ein hohes Maß an Verantwortlichkeit voraus." Dennoch wünscht sich Jacob Weiterentwicklung: "Noch gibt es gelegentlich Befürchtungen und Unwissenheit bei potentiellen Kunden. Sie betrachten Interface-Design als Adapter, der an das bereits fertig gestellte Produkt angedockt wird. Hohe Bedienqualität wird häufig lediglich als optimierte Anleitung verstanden. Aber Interface-Design setzt früher ein, nämlich beim Produktentwurf selbst, bei seinem im besten Sinne der Nachhaltigkeit wirklichen Nutzen für den Nutzer."



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